ADHS, ADS oder doch etwas anderes?
Viele Menschen sprechen noch heute von ADHS und ADS. Tatsächlich wird in den aktuellen diagnostischen Systemen jedoch nicht mehr zwischen ADHS und ADS unterschieden. Heute wird von einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) mit unterschiedlichen Erscheinungsformen gesprochen.
Unaufmerksamer bzw. hypoaktiver Typ (früher häufig als ADS bezeichnet)
Menschen dieses Typs wirken oft ruhig, verträumt oder gedanklich abwesend. Häufig fallen Konzentrationsprobleme, Vergesslichkeit oder Schwierigkeiten bei der Organisation auf. Im Gegensatz zum klassischen Bild von ADHS steht hier keine sichtbare Hyperaktivität im Vordergrund.
In der Praxis wird deshalb häufig auch vom hypoaktiven Typ gesprochen. Dieser Begriff ist zwar nicht Teil der offiziellen Diagnose, beschreibt aber anschaulich die eher nach innen gerichteter Ausprägung von ADHS.
Viele Betroffene erleben:
- ein ständiges Gedankenkarussell
- innere Unruhe
- häufiges Tagträumen
- langsames Arbeitstempo
- Vergesslichkeit
- Schwierigkeiten, Aufgaben zu beginnen oder abzuschliessen
- schnelle mentale Erschöpfung
Nach aussen wirken sie oft ruhig, angepasst oder unauffällig. Gerade deshalb wird diese Form von ADHS häufig übersehen oder erst spät erkannt.
Hyperaktiv-impulsiver Typ
Bei diesem Typ stehen Bewegungsdrang und Impulsivität im Vordergrund. Betroffene haben häufig das Bedürfnis, ständig in Bewegung zu sein oder sofort auf Impulse zu reagieren.
Typische Merkmale können sein:
- ständiges Zappeln oder Wippen
- Schwierigkeiten, ruhig sitzen zu bleiben
- häufiges Unterbrechen anderer Personen
- vorschnelles Handeln ohne nachzudenken
- Ungeduld beim Warten
- starke emotionale Reaktionen
- Bedürfnis nach Abwechslung und Aktivität
Kinder fallen häufig dadurch auf, dass sie viel herumrennen, klettern oder scheinbar nie müde werden. Bei Jugendlichen und Erwachsenen zeigt sich die Hyperaktivität oft weniger offensichtlich. Stattdessen berichten viele von einem Gefühl, ständig etwas tun zu müssen, schlecht entspannen zu können oder innerlich «unter Strom» zu stehen.
Kombinierter Typ
Der kombinierte Typ ist die häufigste Erscheinungsform von ADHS. Hier treten Merkmale der Unaufmerksamkeit, der Hyperaktivität und der Impulsivität gleichzeitig auf.
Betroffene können beispielsweise:
- wichtige Termine vergessen und gleichzeitig kaum ruhig sitzen können
- bei langweiligen Aufgaben abschweifen, aber impulsiv handeln
- Schwierigkeiten mit Planung und Organisation haben
- emotional intensiv reagieren
- viele Ideen entwickeln, diese jedoch nicht immer konsequent umsetzen
- zwischen Phasen hoher Aktivität und Erschöpfung wechseln
Je nach Situation können einzelne Merkmale stärker oder schwächer ausgeprägt sein. Deshalb sehen zwei Menschen mit derselben Diagnose oft völlig unterschiedlich aus.
Kein ADHS gleicht dem anderen
ADHS ist keine Persönlichkeit und keine Charaktereigenschaft. Es handelt sich um eine neurobiologische Besonderheit, die sich bei jedem Menschen unterschiedlich zeigt.
Neben den Herausforderungen erleben viele Betroffene auch besondere Stärken wie:
- Kreativität und Ideenreichtum
- Begeisterungsfähigkeit
- ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden
- hohe Energie
- Spontaneität
- schnelles Erfassen von Zusammenhängen
- Hyperfokus bei interessanten Themen
Deshalb lohnt es sich immer, nicht nur auf die Schwierigkeiten zu schauen, sondern auch auf die individuellen Ressourcen und Potenziale eines Menschen mit ADHS.
